Online-Workshop: Komplexe als Motor persönlicher Entwicklung

Fachbeitrag und kostenfreier Online-Workshop am 28.10.2026

Komplexe als Motor persönlicher Entwicklung

Wie alte Beziehungserfahrungen gegenwärtige Beziehungen prägen

Warum reagieren wir in manchen Situationen heftiger, als der Anlass es erklärt? Dieser Beitrag zeigt an einem Fallbeispiel, wie Komplexe nach C. G. Jung und Verena Kast entstehen, wie sie sich in heutigen Konflikten wiederholen – und welches Lebensthema in ihnen sichtbar werden kann.

Workshop
Mittwoch, 28.10.2026
Uhrzeit & Dauer
18:30 Uhr, 90 Min. inkl. Q&A
Format
Live online via Zoom
Kosten
Kostenfrei und unverbindlich

Mit Sven Premananda Vordank, Heilpraktiker (begrenzt auf das Gebiet der Psychotherapie), Paar- und Sexualtherapeut am Institut für Beziehungsdynamik Berlin. Ein Workshop unserer Reihe zum 20-jährigen Institutsjubiläum.

Der Online-Workshop: Komplexe & Lebensthemen

Innere Muster verstehen und neue Wege finden

Vielleicht kennst Du Situationen, in denen ein Konflikt plötzlich eine erstaunliche emotionale Kraft entwickelt. Wir fühlen uns verletzt, zurückgewiesen, bevormundet oder nicht gesehen – und reagieren heftiger, als es die aktuelle Situation eigentlich erwarten ließe. Häufig ist dann ein Komplex aktiviert: Eine frühere Beziehungserfahrung wird unbewusst in der Gegenwart lebendig.

In diesem Workshop erforschst Du anhand einer konkreten Konfliktsituation ein eigenes Beziehungsmuster. Zunächst geht es um die verletzliche Seite des Komplexes: Was geschieht, wenn mein „empfindlicher Punkt“ getroffen wird? Dann um den Gegenpol – die Haltungen früherer Bezugspersonen, die wir verinnerlicht haben, obwohl wir selbst einmal darunter gelitten haben. Und schließlich um das Entwicklungspotenzial: Welche bislang ungelebte Sehnsucht zeigt sich in dem, was uns so sehr berührt?

Der Workshop verbindet psychologisches Wissen mit angeleiteter Selbstreflexion. Wir führen Dich Schritt für Schritt durch den Prozess.

Worum es im Workshop geht

Komplexe und Beziehungsgestaltung

Du lernst das Konzept psychischer Komplexe kennen und erfährst, warum bestimmte Situationen besonders starke Gefühle und Reaktionen auslösen können.

Die zwei Pole eines Komplexes

Wir betrachten die verletzliche, kindliche Seite und den verinnerlichten Gegenpol – und untersuchen, welche Haltung sie jeweils repräsentieren.

Vom unbewussten Muster zum eigenen Anteil

Du erforschst, wie ein früheres Beziehungsmuster heute weiterwirken kann und wo Du selbst – oft unbewusst – an seiner Wiederholung beteiligt bist.

Vom Konflikt zum Lebensthema

Hinter einem wiederkehrenden Muster kann eine Sehnsucht liegen. Wir fragen, welches Entwicklungspotenzial in Deinem Konflikt steckt und wie ein Weg jenseits der bisherigen Pole aussehen kann.

Was Du mitnehmen kannst

  • ein grundlegendes Verständnis davon, wie psychische Komplexe entstehen und in heutigen Beziehungen wirksam werden
  • einen neuen Blick auf eine eigene wiederkehrende Konflikt- oder Beziehungssituation
  • mehr Bewusstheit darüber, wo Du Dich als betroffen oder ohnmächtig erlebst – und wo Du selbst aktiv an einer Dynamik beteiligt bist
  • eine erste Idee davon, welche Sehnsucht oder welches Lebensthema sich hinter Deinem Muster verbergen könnte
  • einen konkreten Impuls, wie Du in einer ähnlichen Situation künftig anders handeln kannst

Kostenlos anmelden

Der Begriff Komplex ist längst in unsere Alltagssprache eingegangen. Wir sprechen von Minderwertigkeitskomplexen, Schuldkomplexen oder Vater- und Mutterkomplexen.

Auch der nach einer Gestalt der griechischen Mythologie benannte Ödipuskomplex Freuds dürfte vielen Menschen zumindest dem Namen nach bekannt sein. Der Schweizer Psychiater und Begründer der Analytischen Psychologie C. G. Jung (1875–1961) prägte später in Anlehnung daran den Begriff des Elektrakomplexes.

Schon diese Begriffe deuten etwas vom Wesen der Komplexe an. Komplexe verbinden Gefühle, Vorstellungen, Erwartungen und Beziehungserfahrungen zu inneren Mustern, die unser gegenwärtiges Erleben beeinflussen können.

Die Schweizer Psychotherapeutin und Jung’sche Analytikerin Verena Kast (geb. 1943) hat sich in zahlreichen ihrer Bücher mit Komplexen beschäftigt – etwa in „Vater-Töchter, Mutter-Söhne“. Sie beschreibt Komplexe als verdichtete, generalisierte und konflikthafte Beziehungserfahrungen. Wie ein unsichtbarer Plot können sie beeinflussen, was wir von anderen erwarten, wie wir deren Verhalten deuten und wie wir selbst Beziehungen gestalten.

Meist begegnen uns unsere Komplexe jedoch nicht als psychologische Theorie. Wir begegnen ihnen in Konflikten: wenn wir auf eine Situation ungewöhnlich heftig reagieren, uns immer wieder in ähnlichen Auseinandersetzungen wiederfinden oder das Gefühl haben, dass andere Menschen uns auf eine bestimmte, schmerzhafte Weise behandeln. Nicht selten sind es solche Konflikte, die Menschen schließlich in eine Psychotherapie führen.

1Ausgangspunkt: ein gegenwärtiger Konflikt

Beispiel Martin: Der Konflikt

Martin erhält während der Arbeit eine kurze Nachricht von seiner Vorgesetzten Maria: Sie möchte ihn in ihrem Büro sprechen.

Noch bevor er weiß, worum es geht, ist er verunsichert. Sein erster Gedanke ist, dass er etwas falsch gemacht haben muss. Auf dem Weg zu ihr sucht er nach möglichen Fehlern. Als er den Raum betritt, ist seine Körperhaltung leicht geduckt; er lächelt unsicher und beinahe entschuldigend.

Maria fragt ihn, wie es zu einem bestimmten Vorgang gekommen ist. Martin beginnt sofort, sich zu rechtfertigen. Er erklärt seine Überlegungen und versucht deutlich zu machen, weshalb seine Entscheidung für ihn nachvollziehbar war.

Maria hört ihm zu und weist anschließend darauf hin, dass es für solche Vorgänge klare Regeln gebe. Martin erlebt diese Rückmeldung als Kritik und fühlt sich nicht verstanden.

Nach außen bleibt er freundlich und angepasst. Er widerspricht nicht offen. Erst als er wieder allein ist, spürt er seinen Ärger. Innerlich beschimpft er Maria, hält sie für inkompetent und würde am liebsten auf der Stelle kündigen.

Maria mag durchaus unzufrieden mit Martins Arbeit sein. Dennoch fällt auf, wie stark Martin bereits reagiert, bevor überhaupt klar ist, worum es in dem Gespräch geht. Etwas an der Situation scheint für ihn eine Bedeutung zu besitzen, die über den konkreten Anlass hinausgeht.

Hier kann die Beschäftigung mit Komplexen ansetzen.

2Was ist ein Komplex?

Jung beschreibt den Komplex als Folge des „Zusammenstoß[es] einer Anpassungsforderung mit der besonderen und hinsichtlich der Forderung ungeeigneten Beschaffenheit des Individuums“ (C. G. Jung, Gesammelte Werke, Bd. 6, § 926).

Kast greift diesen Gedanken auf und konkretisiert den darin enthaltenen Beziehungsaspekt. Anpassungsforderungen gehen in der Regel von Menschen aus. Deshalb bilden sich in Komplexen Beziehungserfahrungen ab. In einer solchen Erfahrung stehen sich zwei Menschen gegenüber – beispielsweise ein Kind und eine erwachsene Beziehungsperson. Diese bilden später die beiden Pole des Komplexes.

Komplexe entstehen jedoch nicht nur in der Kindheit. Früh entstandene Komplexe können allerdings für spätere Erfahrungen besonders prägend werden. Eine gegenwärtige Situation kann dann eine alte Beziehungserfahrung aktivieren. Genau dies könnte bei Martin geschehen.

Beispiel Martin: Der aktivierte Komplex

Noch bevor Maria Kritik äußert, erwartet Martin, etwas falsch gemacht zu haben.

Im Gespräch versucht er, durch ausführliche Erklärungen zu verhindern, dass Maria ihn kritisiert. Als sie dennoch auf die Regeln verweist, fühlt er sich nicht verstanden und zurückgewiesen. Die gegenwärtige Situation bekommt damit eine zusätzliche Bedeutung:

„Ich mache nie etwas richtig.“

Ein solcher Satz ist keine nüchterne Beschreibung der Wirklichkeit. Er ist eine Verdichtung und Generalisierung.

  1. Ich habe in dieser Situation etwas falsch gemacht.
  2. Ich mache immer etwas falsch.
  3. Mit mir stimmt etwas nicht.

Wer das Konzept tiefer verstehen möchte, findet eine ausführliche Einführung im Beitrag Komplexe und Komplexmuster in der Tiefenpsychologie.

3Die Komplexepisode als Zugang zum Komplex

Um einen Komplex genauer zu verstehen, kann man nach früheren Situationen suchen, in denen eine ähnliche emotionale und zwischenmenschliche Konstellation erlebt wurde. Kast bezeichnet solche charakteristischen Beziehungserfahrungen als Komplexepisoden. Sie machen anschaulich, welche Beziehungskonstellation sich im Komplex verdichtet hat.

Beispiel Martin: Eine Komplexepisode

Martin erinnert sich an eine Begebenheit aus seiner Kindheit. Er sitzt nachmittags in seinem Zimmer und spielt. Seine Mutter fragt ihn, ob er seine Hausaufgaben erledigt habe. Martin hat sie noch nicht gemacht.

Martin meint, er könne die Hausaufgaben auch später machen. Er möchte nur noch sein Spiel zu Ende bringen. Seine Mutter weist ihn darauf hin, dass es bald Abendessen gebe und sie anschließend noch anderes zu tun habe. Martin solle die Hausaufgaben deshalb jetzt erledigen.

Martin versucht weiter, sie davon zu überzeugen, dass er erst sein Spiel beenden und die Hausaufgaben danach machen könne. Seine Mutter wird zunehmend ungehalten. Sie wirft ihm vor, dass man ihn ständig an alles erinnern müsse und dass er nie tue, was von ihm erwartet werde. Schließlich schickt sie ihn an den Schreibtisch und verbietet ihm, sich für den Rest des Tages mit seinen Freunden zu treffen.

Martin fühlt sich beschämt und klein. Gleichzeitig ist er wütend auf seine Mutter, kann seinen Ärger aber kaum zeigen. Er fügt sich und macht seine Hausaufgaben.

Entscheidend ist dabei nicht, diese eine Episode zur Ursache des Komplexes zu erklären. Eine Komplexepisode kann vielmehr exemplarisch für eine Reihe emotional ähnlicher Beziehungserfahrungen stehen. Wenn wir Martin fragen würden, ob es andere, ähnliche Situationen gegeben hat, könnte er sicher andere Szenen beschreiben, in denen er als Kind mit den Anforderungen einer erwachsenen Person – Mutter, Tante, große Schwester, Lehrerin – konfrontiert war.

In ihr wird die Struktur des Komplexes sichtbar.

4Ein Komplex hat zwei Pole

Die Komplexepisode besteht nicht nur aus Martins Erleben als Kind. Zu ihr gehört ebenso das Verhalten seiner Mutter. Beide Positionen gehören zur Beziehungserfahrung und damit zur Struktur des Komplexes.

Kindpol

Martin in der Episode:

  • beschämt
  • klein
  • angepasst
  • abhängig

Erwachsenenpol

Die Mutter in der Episode:

  • fordernd
  • kritisierend
  • strafend

Die Episode wird als Ganzes verinnerlicht

Verinnerlicht werden sowohl die Verhaltensweisen des Kindes als auch die des „angreifenden Erwachsenen“. Ein Mensch ist nicht darauf festgelegt, in späteren Beziehungen ausschließlich die Position einzunehmen, die er ursprünglich als Kind innehatte. Beide Verhaltensmöglichkeiten sind Bestandteil der komplexhaften Beziehungsgestaltung.

Beispiel Martin: Zwei Seiten desselben Komplexes

Im Gespräch mit Maria befindet sich Martin zunächst deutlich auf der kindlichen Seite der alten Beziehungskonstellation. Er fühlt sich klein, rechtfertigt sich und passt sich an.

Nachdem er das Büro verlassen hat, verändert sich sein Erleben. Nun wird er wütend. Innerlich beschimpft er Maria, hält sie für inkompetent und würde am liebsten auf der Stelle kündigen.

Aus dem Angegriffenen wird innerlich der Angreifende.

Die beiden Reaktionen wirken zunächst widersprüchlich. Aus der Perspektive des Komplexes gehören sie jedoch zur selben Beziehungskonstellation. Gerade deshalb wäre es zu kurz gegriffen, persönliche Entwicklung lediglich darin zu sehen, dass Martin lernt, sich stärker durchzusetzen.

Deine eigenen zwei Pole erkundenIm Online-Workshop am 28.10.2026 arbeitest Du mit einer eigenen Konfliktsituation – angeleitet und ohne persönliches Teilen in der Gruppe.

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5Warum „stärker werden“ nicht genügt

Es wäre verführerisch, Martins Problem folgendermaßen zu beschreiben: Er ist zu angepasst, zu unsicher und zu abhängig von der Anerkennung seiner Vorgesetzten. Also müsste er selbstbewusster werden, Grenzen setzen und sich stärker behaupten.

Damit wäre jedoch möglicherweise nur eine Position des Komplexes durch die andere ersetzt. Aus dem angepassten Kind könnte ein Erwachsener werden, der sich nichts mehr sagen lässt, Kritik abwehrt und seinerseits angreift oder abwertet. Die äußere Erscheinung hätte sich verändert – die zugrunde liegende Beziehungskonstellation nicht.

Kast formuliert diesen Gedanken sehr deutlich:

„Sowohl das Verhalten, das im Kindpol ausgedrückt ist, als auch das Verhalten, das im Erwachsenenpol ausgedrückt ist, muss geopfert werden. […] Gelingt es, dieses Verhalten zu kontrollieren, dann besteht das Leben nicht mehr aus Opfern und Angreifern, und man kann das Leben gestalten.“
Verena Kast: Konflikte anders sehen. Die eigenen Lebensthemen entdecken, 2020, S. 43

Entwicklung bedeutet demnach nicht, vom machtlosen Kind zum mächtigen Erwachsenen zu werden. Beide vertrauten Positionen müssen verlassen werden.

Martin muss sich Maria weder unterwerfen noch sie bekämpfen. Erst wenn diese Alternative möglich wird, beginnt er, die alte Beziehungskonstellation nicht lediglich mit vertauschten Rollen weiterzuführen.

6Der unsichtbare Plot

Solange ein Komplex unbewusst bleibt, kann er dazu beitragen, dass sich ähnliche Beziehungskonstellationen immer wieder herstellen. Dabei wird die Vergangenheit nicht einfach wiederholt. Das Gegenüber ist ein anderer Mensch und die gegenwärtige Situation besitzt ihre eigene Realität. Doch Erwartungen beeinflussen Wahrnehmung und Verhalten – und dieses Verhalten wirkt wiederum auf das Gegenüber.

Beispiel Martin: Die Wiederholung

Martin erwartet Kritik und tritt Maria bereits verunsichert gegenüber. Er erklärt und rechtfertigt sich ausführlich.

Maria reagiert darauf. Vielleicht wird sie deutlicher, weil Martin ihre Rückmeldung immer wieder abzuwehren scheint. Möglicherweise wird sie dadurch tatsächlich strenger und fordernder.

„Schon wieder werde ich kritisiert.“

An dieser Stelle wird etwas anderes deutlich. Martins Abwehr gegenüber Marias Einwänden gehört genau genommen zum Erwachsenenpol des Komplexes. Hierin wird eine doppelte Identifikation mit dem Angreifer deutlich. Als Maria ihn in ihr Büro bittet, erwartet er sofort, kritisiert zu werden. Es muss also in ihm eine Instanz geben, die ihn dazu bringt, sich klein zu machen und in fast unterwürfiger Haltung ins Büro seiner Vorgesetzten zu gehen.

Martin bringt sich so gesehen selbst in eine unterlegene Position. Im Zusammentreffen mit Maria delegiert er gewissermaßen den verurteilenden Part an sein Gegenüber, indem er seinen inneren Angreifer auf Maria projiziert. Auf diese Weise kann sich sein Komplex in der aktuellen Situation konstellieren. Verena Kast spricht in diesem Zusammenhang auch von einer kollusiven Aufspaltung des Komplexes (Kast 2020, S. 31) – verwandt mit dem, was Jürg Willi für Paarbeziehungen als Kollusion beschrieben hat.

So kann eine alte Beziehungserfahrung zu einem unsichtbaren Plot werden, an dessen Wiederaufführung die Beteiligten – ohne dies zu beabsichtigen – mitwirken. Wie eng das mit Jungs Schattenkonzept verbunden ist, zeigt unser Beitrag zur Schattenarbeit.

7Das Lebensthema hinter dem Komplex

Die Beschäftigung mit dem Komplex erschöpft sich jedoch nicht darin, seine Wiederholungen zu erkennen und zu unterbrechen. In ihm kann zugleich ein Lebensthema sichtbar werden.

Dazu lohnt sich ein erneuter Blick auf die Komplexepisode: Welche Beziehungserfahrung wäre damals notwendig gewesen, damit eine andere Entwicklung möglich gewesen wäre?

Beispiel Martin: Eine andere Beziehungserfahrung

Martin hatte seine Hausaufgaben vergessen. Seine Mutter hätte das nicht gutheißen müssen. Aber was wäre gewesen, wenn sie ihm mit Offenheit und Interesse begegnet wäre?

Sie hätte ihm zuhören können. Sie hätte sich dafür interessieren können, wie es dazu gekommen war. Und sie hätte weiterhin darauf bestehen können, dass er seine Hausaufgaben erledigt. Martin hätte sich möglicherweise ernst genommen und verstanden gefühlt.

Darin könnte sich ein zentrales Lebensthema Martins zeigen:

Mit meiner Sichtweise ernst genommen und in meinem Bemühen gesehen zu werden.

Nun wird auch verständlicher, weshalb Martin Maria so ausführlich von seiner Sichtweise überzeugen möchte. Aus der kindlichen Position heraus könnte die alte Erwartung mitschwingen: Hör mir doch zu. Versteh doch, warum ich so gehandelt habe. Sieh doch, wie sehr ich mich bemühe.

Maria ist jedoch nicht Martins Mutter. Und Martin ist nicht mehr das abhängige Kind.

8Komplexe als Motor persönlicher Entwicklung

Das Entwicklungspotenzial eines Komplexes liegt deshalb weder darin, die kindliche Position einfach zu stärken, noch darin, die mächtigere Position des früheren Erwachsenen einzunehmen. Es liegt darin, die alte Beziehungskonstellation zu verlassen und das darin sichtbar werdende Lebensthema auf eine neue Weise zu gestalten.

Beispiel Martin: Eine neue Position

Das Bedürfnis, ernst genommen zu werden, verschwindet nicht. Aber Martin muss nicht mehr darauf angewiesen sein, dass Maria ihm jene Anerkennung gibt, die er als Kind vermisst hat.

Ebenso wenig muss er sie abwerten oder bekämpfen, wenn sie seine Sichtweise nicht teilt. Er kann seinen eigenen Standpunkt ernst nehmen und gleichzeitig anerkennen, dass Maria einen anderen Standpunkt vertritt. Er kann einen Fehler gemacht haben, ohne deshalb als Person falsch zu sein.

Ich kann einen Fehler machen und trotzdem ernst genommen werden.
Meine Sichtweise darf gehört werden, auch wenn mein Gegenüber anderer Meinung ist.

Damit entsteht etwas, das in der ursprünglichen Komplexepisode nicht möglich war: eine Beziehung, in der weder Unterwerfung noch Angriff notwendig sind.

Vielleicht liegt gerade darin das Entwicklungspotenzial eines Komplexes. Er zeigt nicht nur, wo wir verletzt wurden. Er macht sichtbar, welche Beziehungsmuster unser gegenwärtiges Leben noch immer prägen, welches Lebensthema sich darin verbirgt – und an welcher Stelle eine neue Form der Beziehungsgestaltung möglich werden könnte.

Literatur

  • Jung, C. G.: Gesammelte Werke, Bd. 6, § 926.
  • Kast, Verena (1998): Abschied von der Opferrolle. Das eigene Leben leben. Herder/Spektrum.
  • Kast, Verena (2015): Schöpferische Kraft entdecken. Vom Interesse und vom Sinn der Langeweile. Herder.
  • Kast, Verena (2015): Die Tiefenpsychologie nach C. G. Jung. Eine praktische Orientierungshilfe. Patmos.
  • Kast, Verena (2020): Konflikte anders sehen. Die eigenen Lebensthemen entdecken. Patmos.

Was Du vorbereiten solltest

Keine Vorkenntnisse nötig

Hilfreich ist, wenn Du Dir vorab eine konkrete Beziehungssituation oder einen wiederkehrenden Konflikt ins Gedächtnis rufst, bei dem Du merkst: Das kenne ich. So oder so ähnlich passiert mir das immer wieder. Das kann eine Situation aus Partnerschaft, Familie, Freundschaft oder Beruf sein.

Halte Papier und Stift bereit und sorge dafür, dass Du während der 90 Minuten ungestört bist. Die Selbstreflexion findet für Dich persönlich statt – Du musst nichts mit der Gruppe teilen.

Bitte beachten

Wähle für die Übungen einen Konflikt von mittlerer Intensität – keine akute Krise und kein traumatisches Erleben. Der Workshop dient der Selbsterfahrung und Fortbildung und ersetzt keine Therapie.

Wenn Du Dir Begleitung wünschst: Informationen zu Paartherapie, Sexualtherapie und Körperpsychotherapie am Institut.

Platz für ein Portrait von Sven Premananda Vordank

Über den Referenten: Sven Premananda Vordank

Heilpraktiker, begrenzt auf das Gebiet der Psychotherapie; Paar- und Sexualtherapeut, Körperpsychotherapeut, humanistisch-systemischer Coach

Sven Premananda Vordank arbeitet als Therapeut am Institut für Beziehungsdynamik in Berlin-Schöneberg und als Jobcoach für einen Bildungsträger. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören sexuelle Funktionsstörungen bei Männern, Einzel- und Paartherapie, Körperpsychotherapie, Beziehungsprobleme und wiederkehrende Konfliktdynamiken sowie die Begleitung persönlicher Entwicklungsprozesse.

Ein Schwerpunkt seiner therapeutischen Arbeit liegt auf der Frage, wie frühe Beziehungserfahrungen unsere heutigen Vorstellungen von uns selbst und anderen Menschen prägen – und wie daraus wiederkehrende Muster in Partnerschaften und anderen Beziehungen entstehen können. Entscheidend ist für ihn, wie wir unbewusste innere Haltungen erkennen, Verantwortung für den eigenen Anteil an heutigen Beziehungsdynamiken übernehmen und dadurch neue Handlungsmöglichkeiten entwickeln können.

Seine Arbeit verbindet tiefenpsychologische, systemische und körperpsychotherapeutische Perspektiven. Geprägt ist sie von der Überzeugung, dass Beziehungen nicht nur der Ort sein können, an dem alte Verletzungen wieder lebendig werden, sondern ebenso ein Raum für persönliche Entwicklung hin zu größerer Bewusstheit und authentischeren Begegnungen.

Zum Profil von Sven Premananda Vordank

Häufige Fragen zum Workshop

Kostet der Workshop etwas?

Nein. Die Teilnahme ist kostenfrei und unverbindlich.

Muss ich in der Gruppe etwas Persönliches erzählen?

Nein. Die Selbstreflexion findet für Dich persönlich statt. Du musst Deine Erfahrungen nicht mit der Gruppe teilen.

Brauche ich Vorkenntnisse?

Nein. Hilfreich ist nur, eine konkrete wiederkehrende Konfliktsituation vor Augen zu haben. Zum Einlesen eignen sich dieser Beitrag und das Glossar unter Tiefenpsychologie.

Ist der Workshop eine Therapie?

Nein. Er dient der Selbsterfahrung und Fortbildung und ersetzt keine Therapie.

Wie bekomme ich den Zugang zum Zoom-Raum?

Nach Deiner Anmeldung erhältst Du eine Bestätigung mit dem Zoom-Link per E-Mail.

Zum Weiterlesen

20 Jahre Institut für Beziehungsdynamik

Seit 2006 begleiten wir in Berlin Menschen bei Fragen rund um Beziehung, Sexualität und persönliche Entwicklung; seit 2012 bilden wir Therapeut*innen aus. Der Workshop ist Teil unserer Jubiläumsreihe mit kostenfreien Online-Workshops, in denen wir unser Institut und unsere Arbeit näher vorstellen.

Die Arbeit mit Komplexen ist fester Bestandteil unserer Ausbildung in Beziehungsdynamischer Paar- und Sexualtherapie – als zweijährige Präsenzausbildung, Kompaktausbildung oder Online-Ausbildung. Die Grundlagen unseres Ansatzes beschreiben wir in den Prämissen der Beziehungsdynamischen Paar- und Sexualtherapie.

Entdecke das Lebensthema hinter Deinem Konflikt

Kostenfreier Online-Workshop mit Sven Premananda Vordank am Mittwoch, 28. Oktober 2026, 18:30 Uhr, live via Zoom. Nach der Anmeldung bekommst Du alle Infos und den Zoom-Link per E-Mail.

Kostenlos anmelden Kostenfrei und unverbindlich. Kein persönliches Teilen in der Gruppe nötig.