„Macht“ klingt nach Kampf, Kontrolle und Unterlegenheit. Eine neue Studie aus Deutschland zeigt etwas anderes: Wer das Gefühl hat, den anderen erreichen zu können, ist sexuell zufriedener, hat mehr Lust und spricht Wünsche eher aus. Und das Beste daran: Es ist kein Nullsummenspiel. Paare, in denen sich beide einflussreich fühlen, profitieren am meisten.
Inhalt
Was bedeutet „Macht“ in einer Liebesbeziehung?
In der Paarforschung meint Macht nicht Dominanz, sondern das erlebte Gefühl, Einfluss zu haben: dass deine Meinung zählt, dass du gehört wirst und dass du deine Bedürfnisse in die Beziehung einbringen kannst. Davon zu unterscheiden ist der Wunsch nach Macht – also das Verlangen, den anderen zu kontrollieren oder ihm zu sagen, was er tun soll.
Viele Paare sprechen über Macht nur, wenn etwas schiefläuft: „Bei uns entscheidet immer sie.“ – „Er setzt sich sowieso durch.“ Dahinter steht oft die stille Annahme, dass Einfluss in einer Beziehung begrenzt ist. Wenn einer mehr hat, muss der andere weniger haben.
Genau diese Annahme stellt eine aktuelle Untersuchung infrage – und sie hat sich dabei ausgerechnet ein Feld angesehen, über das Paare noch seltener sprechen als über Macht: ihre Sexualität.
In unserer Paartherapie in Berlin und in der Sexualtherapie erleben wir täglich, wie eng beides zusammenhängt: Wer sich in der Beziehung nicht gehört fühlt, verliert oft auch die Lust.
Die Studie: Macht und Sexualität bei 1.109 Menschen
Die Psycholog*innen Robert Körner und Astrid Schütz (Universität Bamberg) haben ihre Ergebnisse im Januar 2026 im Journal of Sex Research veröffentlicht, einer der wichtigsten Fachzeitschriften der Sexualforschung. Sie haben in vier Teilstudien in Deutschland untersucht, wie verschiedene Formen von Macht mit dem Sexualleben zusammenhängen:
Gemessen wurden drei Formen von Macht – der eigene Einfluss, der Einfluss des Partners oder der Partnerin und der Wunsch nach Macht – sowie vier Seiten der Sexualität: Zufriedenheit mit dem Sexleben, sexuelle Lust (Motivation), die Fähigkeit, Wünsche auszusprechen, und das Gefühl, das eigene Sexleben selbst steuern zu können.
Die drei wichtigsten Ergebnisse
Eigener Einfluss
Wer sich in der Beziehung einflussreich fühlt, ist sexuell zufriedener, hat mehr Lust und sagt eher, was er oder sie sich wünscht. Das zeigte sich über alle Studien hinweg am klarsten.
Einfluss des Gegenübers
Auch wenn der Partner oder die Partnerin viel Einfluss hat, sind Menschen tendenziell sexuell zufriedener. Auf Lust oder Mut zu Wünschen wirkte sich das kaum aus.
Wunsch nach Kontrolle
Der Wunsch, über den anderen zu bestimmen, hing insgesamt kaum mit der Sexualität zusammen. Aber: An Tagen mit stärkerem Kontrollwunsch waren Menschen weniger zufrieden und trauten sich weniger, Wünsche zu äußern.
Besonders aufschlussreich ist das Tagebuch: An Tagen, an denen sich jemand einflussreicher als sonst fühlte, berichtete er oder sie auch von mehr sexueller Zufriedenheit, mehr Lust, mehr Mut zu eigenen Wünschen – und mehr Gefühl von Selbstbestimmung über das eigene Sexleben. Macht ist also nicht nur eine feste Eigenschaft einer Beziehung, sondern schwankt von Tag zu Tag.
Erkennst du dich wieder? Wenn Lust und Nähe unter einem Ungleichgewicht leiden, hilft oft schon ein Blick von außen – in der Sexualtherapie Berlin für Paare und Einzelpersonen.
Termin anfragenZwischen Frauen und Männern fanden die Forschenden kaum Unterschiede. Bei queeren Paaren war der Einfluss des Gegenübers für die eigene Lust weniger wichtig als bei Frau-Mann-Paaren – möglicherweise, weil dort Gleichberechtigung oft bewusster gelebt wird.
Warum Macht kein Nullsummenspiel ist
Die wohl wichtigste Botschaft der Studie: Dein Einfluss und der Einfluss deines Gegenübers schließen sich nicht aus. Beide hingen positiv mit sexueller Zufriedenheit zusammen. Frühere Forschung fragte oft nur: „Wer hat mehr zu sagen – du oder dein Partner?“ Damit lässt sich nicht erkennen, ob es dem Paar gut geht, weil einer viel Einfluss hat oder weil beide ihn haben.
Die Autor*innen weisen außerdem auf Forschung hin, nach der Menschen in engen Beziehungen ihren eigenen Einfluss oft unterschätzen. Viele haben mehr Wirkung auf ihr Gegenüber, als sie glauben – und trauen sich deshalb weniger, als sie könnten.
Was wir in der Praxis erleben
Die Ergebnisse passen zu dem, was wir seit vielen Jahren in der Paar- und Sexualtherapie am Institut für Beziehungsdynamik beobachten. Wenn die Lust nachlässt, hat das selten nur mit Sex zu tun. Oft hat sich ein Muster eingespielt, in dem einer sich anpasst und der andere bestimmt – oder in dem beide sich zurückhalten, um keinen Streit zu riskieren. In der Paartherapie machen wir solche Muster sichtbar, damit beide wieder Einfluss erleben können.
Das Zusammenspiel innerer Anteile
Im Beziehungsdynamischen Ansatz schauen wir nicht nur auf das Zusammenspiel zwischen zwei Menschen, sondern auch auf das zwischen inneren Anteilen. Häufig gibt es einen Anteil, der sich anpasst, um die Beziehung nicht zu gefährden – und einen anderen, der etwas will, sich aber nicht zeigen darf. Wird dieser zweite Anteil dauerhaft übergangen, verschwindet oft auch die Lust. Sie zieht sich dorthin zurück, wo kein Einfluss mehr erlebt wird.
Kontrolle ist nicht dasselbe wie Einfluss
Wer seinen Partner kontrollieren will, fühlt sich häufig selbst gerade machtlos. Die Tagebuchdaten der Studie passen dazu: An Tagen mit starkem Kontrollwunsch litt das sexuelle Erleben. Kontrolle versucht, sich Einfluss zu erzwingen. Echter Einfluss entsteht dagegen dort, wo sich jemand gehört fühlt.
Fragen für dich und euch
Diese Fragen kannst du für dich beantworten oder als Anlass für ein Gespräch zu zweit nehmen. Es geht nicht darum, wer recht hat, sondern darum, was ihr beide erlebt.
- In welchen Momenten habe ich das Gefühl, dich wirklich zu erreichen?
- Wo passe ich mich an, obwohl ich eigentlich etwas anderes möchte?
- Welchen Wunsch – im Alltag oder im Bett – habe ich lange nicht ausgesprochen?
- Wann wird bei mir aus dem Wunsch nach Nähe ein Wunsch nach Kontrolle?
- Was würde sich verändern, wenn wir uns beide einflussreich fühlen dürften?
Wenn dir das Nein-Sagen schwerfällt, findest du Anregungen in unserem Beitrag Nein sagen lernen.
Kurz zusammengefasst
- Wer sich in der Beziehung einflussreich fühlt, ist sexuell zufriedener, hat mehr Lust und äußert Wünsche eher.
- Auch der Einfluss des Gegenübers geht mit mehr sexueller Zufriedenheit einher.
- Macht ist kein Nullsummenspiel: Am besten geht es Paaren, in denen sich beide gehört fühlen.
- Der Wunsch, den anderen zu kontrollieren, ist etwas anderes – und tut dem Sexleben an solchen Tagen eher nicht gut.
- Viele unterschätzen ihren Einfluss. Wünsche auszusprechen, ist ein erster Schritt.
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Häufige Fragen
Was bedeutet Macht in einer Beziehung?
In der Paarforschung ist Macht das erlebte Gefühl, Einfluss auf den Partner oder die Partnerin zu haben – gehört zu werden und eigene Bedürfnisse einbringen zu können. Davon unterscheidet sich der Wunsch, den anderen zu kontrollieren.
Wie hängen Macht und Sexualität zusammen?
Laut einer Studie von Körner und Schütz (2026) mit 1.109 Teilnehmenden sind Menschen, die sich in ihrer Beziehung einflussreich fühlen, sexuell zufriedener, haben mehr Lust und äußern ihre Wünsche eher. Auch der Einfluss des Gegenübers geht mit mehr sexueller Zufriedenheit einher.
Muss in einer Beziehung einer das Sagen haben?
Nein. Die Forschung zeigt, dass sich in gut funktionierenden Beziehungen meist beide Partner einflussreich fühlen. Macht ist kein Nullsummenspiel, bei dem einer verliert, was der andere gewinnt.
Ist es schlecht, wenn ich meinen Partner kontrollieren möchte?
Ein Kontrollwunsch ist oft ein Hinweis darauf, dass man sich selbst gerade ohnmächtig fühlt. Es lohnt sich, das Bedürfnis dahinter zu verstehen. In der Studie gingen Tage mit stärkerem Kontrollwunsch mit weniger sexueller Zufriedenheit einher.
Wann ist eine Paar- oder Sexualtherapie sinnvoll?
Wenn ihr immer wieder in denselben Machtkämpfen landet, einer sich dauerhaft anpasst oder die Lust verloren gegangen ist, kann professionelle Begleitung helfen, die zugrunde liegenden Muster zu verstehen und zu verändern – zum Beispiel in der Paartherapie Berlin oder der Sexualtherapie Berlin.
Was kostet eine Paartherapie am Institut für Beziehungsdynamik?
Eine Sitzung Paartherapie in Berlin-Schöneberg dauert ca. 90 Minuten und kostet 160 € mit einer Therapeutin oder einem Therapeuten bzw. 240 € mit zwei Therapeut*innen. Online-Paartherapie kostet 120 € für ca. 60 Minuten. Alle Preise findest du unter Preise & Anmeldung.
Kann ich auch allein kommen, wenn mein Partner nicht mitmachen möchte?
Ja. Etwa die Hälfte unserer Arbeit findet mit Einzelpersonen statt. Auch allein kannst du verstehen, welche Rolle du in einem Machtgefüge einnimmst, und neue Wege ausprobieren – etwa in der Sexualtherapie für Einzelpersonen.
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Robert A. Coordes
Diplom-Psychologe, Paar- und Sexualtherapeut. Gründer des Instituts für Beziehungsdynamik in Berlin, wo seit 2006 die Beziehungsdynamische Paar- und Sexualtherapie entwickelt wird. Das Institut bietet in der Kolonnenstraße in Berlin-Schöneberg Paartherapie und Sexualtherapie an – vor Ort und online. Autor des Buchs Lust statt Frust (Goldmann, 2023).
Für Therapeut*innen und Berater*innen: Robert A. Coordes leitet die Ausbildung in Beziehungsdynamischer Paar- und Sexualtherapie – in Berlin, als Kompaktausbildung und als Online-Ausbildung. Alle Fort- und Weiterbildungen findest du auf sexualtherapie-fortbildung.de.
Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine individuelle Beratung oder Therapie.
Quelle
Körner, R. & Schütz, A. (2026). Power and Sexuality: Associations of Experienced and Desired Power with Sexual Aspects of Couples' Lives [Macht und Sexualität: Zusammenhänge von erlebter und gewünschter Macht mit dem Sexualleben von Paaren]. The Journal of Sex Research. Online veröffentlicht am 9. Januar 2026. doi.org/10.1080/00224499.2025.2599941 (Open Access, englisch)