Narzissmus Persönlichkeitsstörung Missbrauch

Von Robert Coordes, Diplom-Psychologe, Sexual- und Paartherapeut
Zuletzt aktualisiert: 12. Oktober 2026

Kurz erklärt

„Opfer eines Narzissten“ beschreibt das Erleben, in einer Beziehung von einem Menschen mit stark narzisstischen Zügen abgewertet, manipuliert oder ausgenutzt zu werden – oft im Wechsel mit Phasen intensiver Zuwendung.

Narzissmus ist zunächst eine Persönlichkeitseigenschaft, die jeder Mensch in unterschiedlichem Maß hat. Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung ist dagegen eine klinische Diagnose, die nur Fachleute stellen können.

„Ich bin Opfer eines Narzissten geworden.“ Solche Nachrichten erreichen uns häufig. Hinter dem Satz stehen meist viel Schmerz, Erschöpfung und die Frage, wie man in diese Lage geraten konnte.

In unserer Praxis in Berlin begleiten wir seit 2006 Paare und Einzelne in solchen Beziehungen. Hier erklären wir, was Narzissmus eigentlich ist, woran du narzisstische Muster erkennst und was dir hilft, wieder zu dir zu kommen – ehrlich, ohne vorschnelle Etiketten und mit einer klaren Grenze dort, wo es um Gewalt geht.

Was ist Narzissmus?

Narzissmus beschreibt ein überhöhtes Selbstbild, ein starkes Bedürfnis nach Bewunderung und wenig Einfühlung in andere. Wichtig ist: Narzissmus ist kein Entweder-oder. Fast jeder Mensch hat narzisstische Anteile. Erst wenn sie das Leben und die Beziehungen dauerhaft prägen und belasten, sprechen Fachleute von einer Störung.

Narzisstische ZügeNarzisstische Persönlichkeitsstörung
Verbreitungbei allen Menschen, in unterschiedlichem Maßdeutlich seltener; Schätzungen schwanken je nach Studie stark
SelbstbildWunsch nach Anerkennung, aber flexibelGrößenideen, dahinter oft ein sehr verletzlicher Selbstwert
Empathievorhanden, auch unter Stressstark eingeschränkt, vor allem bei Kränkung
Wer stellt das fest?Alltagsbeobachtungnur Fachleute nach ausführlicher Diagnostik

Im amerikanischen Diagnosehandbuch DSM-5 ist die narzisstische Persönlichkeitsstörung als durchgehendes Muster aus Grandiosität, Bedürfnis nach Bewunderung und Mangel an Empathie beschrieben; für die Diagnose müssen mindestens fünf von neun Kriterien erfüllt sein. Die ICD-11 der WHO kennt dagegen keine eigene narzisstische Diagnose mehr: Sie beschreibt Persönlichkeitsstörungen über ihren Schweregrad und über Merkmalsbereiche.

Für den Alltag heißt das: Ob dein Gegenüber „ein Narzisst“ ist, kannst du aus der Beziehung heraus kaum beurteilen. Hilfreicher ist, genau hinzuschauen, welches Verhalten dir schadet – und was du brauchst.

Was heißt es, „Opfer eines Narzissten“ zu sein?

Menschen, die sich so beschreiben, erleben meist eine Beziehung, in der ihre Bedürfnisse kaum zählen und ihr Selbstwert Schritt für Schritt schwindet. Vier Muster begegnen uns dabei besonders oft:

Idealisierung und Abwertung

Am Anfang fühlst du dich besonders gesehen. Später wechseln Bewunderung und Kälte oft ohne erkennbaren Grund – und du versuchst, die guten Zeiten zurückzuholen.

Gaslighting

Deine Erinnerungen und Gefühle werden immer wieder infrage gestellt, bis du deiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr traust. Mehr über Gaslighting

Emotionale Erpressung

Drohungen mit Trennung, Liebesentzug oder Schuldgefühlen bringen dich dazu, Dinge zu tun, die du eigentlich nicht willst.

Wenig Einfühlung

Deine Sorgen werden übergangen, Kritik führt zu Kränkung oder Wut. Die Beziehung dreht sich vor allem um die Bedürfnisse deines Gegenübers.

Kommen mehrere dieser Muster über längere Zeit zusammen, ist das oft eine toxische Beziehung. Ob dein Gegenüber tatsächlich eine narzisstische Störung hat, ist dabei weniger wichtig als die Frage, was dieses Muster mit dir macht.

Anzeichen: Erkennst du dich wieder?

Diese Erfahrungen beschreiben Menschen in Beziehungen mit stark narzisstischen Mustern besonders häufig:

Wichtig: Wenn dein Gegenüber dich systematisch kontrolliert, isoliert, bedroht oder Gewalt ausübt, geht es nicht mehr um ein gemeinsames Beziehungsmuster, sondern um Gewalt. Dann steht deine Sicherheit an erster Stelle.

Sofort Hilfe, wenn du Angst hast, bedroht wirst oder Gewalt erlebst

Narzissmus Beziehungstherapie Berlin

Fallbeispiel aus der Paartherapie

Anna und Markus

Anna fühlte sich von Markus ständig emotional erpresst. Er drohte, sie zu verlassen, wenn sie seinen sexuellen Wünschen nicht nachkam, und stellte ihre Liebe infrage, sobald sie Nein sagte. Anna lebte in der Angst, nicht genug zu sein; ihr Selbstwert sank immer weiter, und sie fühlte sich gefangen.

In der Paartherapie lernte Anna, diese Muster zu erkennen, ihre Grenzen klar zu benennen und ihr Selbstwertgefühl wiederzufinden. Dabei zeigte sich auch: Markus profitierte nicht von seinem Verhalten. Hinter seinen Drohungen stand große Angst, verlassen zu werden. Am Ende wurde deutlich, dass beide unter dem narzisstischen Muster gelitten hatten.

Namen und Details sind zum Schutz der Klient*innen verändert.

Mehr als nur Opfer: Warum der eigene Anteil befreit

Wer sich als Opfer erlebt, hat echtes Leid erfahren – das nehmen wir ernst. Trotzdem beobachten wir oft, dass Menschen, meist unbewusst, immer wieder ähnliche Partner*innen wählen. Das hat mit eigenen inneren Mustern und frühen Erfahrungen zu tun.

Der Schweizer Paartherapeut Jürg Willi nannte dieses unbewusste Zusammenspiel Kollusion: Beide tragen dazu bei, dass die Dynamik bestehen bleibt. In narzisstisch geprägten Beziehungen stützt die eine Person häufig die Bedürfnisse der anderen und übergeht dabei ihre eigenen Grenzen.

Den eigenen Anteil zu sehen heißt nicht, schuld zu sein. Es heißt, wieder handeln zu können.

Auch auf der anderen Seite steht selten jemand, der von seinem Verhalten profitiert. Die Narzissmus-Forscherin Elsa Ronningstam beschreibt, dass hinter narzisstischer Größe oft ein sehr verletzlicher, instabiler Selbstwert liegt. In der Therapie zeigt sich deshalb häufig: Beide leiden unter dem Muster.

Was macht eine narzisstisch geprägte Beziehung mit dir?

Wer lange in einem solchen Muster lebt, ist oft erschöpfter, als er sich selbst eingesteht. Typische Folgen, die uns in der Praxis begegnen:

  • anhaltender Stress, Ängste und gedrückte Stimmung
  • das Gefühl, nie zu genügen
  • Misstrauen gegenüber der eigenen Wahrnehmung
  • Schwierigkeiten, anderen Menschen wieder zu vertrauen
  • Rückzug aus Freundschaften und eigenen Interessen

Sich davon zu erholen braucht Zeit. Professionelle Begleitung kann dabei viel bewirken.

Was dir hilft: vier Schritte

Ob du die Beziehung verändern oder beenden möchtest – diese Schritte helfen in beiden Fällen.

Muster erkennen

Lerne die typischen Abläufe kennen: Idealisierung, Abwertung, Schuldumkehr. Was du benennen kannst, verliert an Macht – auch in künftigen Beziehungen.

Unterstützung suchen

Umgib dich mit Menschen, die dir helfen, klarer zu sehen, und die dich daran erinnern, wer du ohne diese Beziehung bist.

Grenzen setzen

Sag klar, was für dich in Ordnung ist und was nicht. Wenn die Beziehung dauerhaft destruktiv bleibt, kann es nötig sein, den Kontakt deutlich zu reduzieren oder zu beenden.

Professionelle Hilfe

In Einzel- oder Paartherapie kannst du deine Wunden versorgen, deinen Anteil am Muster verstehen und neue Wege in Beziehungen üben. Auch Selbsterfahrungsgruppen können dabei helfen.

Du möchtest aus dem Muster heraus?

Im Erstgespräch klären wir, was du gerade brauchst – Einzeltherapie, Paartherapie oder zuerst Stabilisierung. Vor Ort in Berlin oder online.

Häufige Fragen zu Narzissmus in Beziehungen

Umgangssprachlich ein Mensch mit stark ausgeprägtem Bedürfnis nach Bewunderung, überhöhtem Selbstbild und wenig Einfühlung. Fachlich unterscheidet man narzisstische Züge, die alle Menschen haben, von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung, die nur Fachleute diagnostizieren können.

Typisch sind das Gefühl, nie gut genug zu sein, ein Wechsel zwischen Idealisierung und Abwertung, Gaslighting, emotionale Erpressung und der Verlust eigener Bedürfnisse und Kontakte.

Oft ja. Die typischen Muster narzisstisch geprägter Beziehungen – Abwertung, Kontrolle, Manipulation – sind zugleich zentrale Merkmale einer toxischen beziehungsweise destruktiven Beziehung.

Nein. Häufig spielen eigene frühe Erfahrungen und unbewusste Muster eine Rolle. Diese zu verstehen hat nichts mit Schuld zu tun, sondern hilft dir, künftig anders zu wählen.

Ja, wenn er selbst ein Problem sieht und bereit ist, daran zu arbeiten. In der Paartherapie zeigt sich oft, dass hinter dem Verhalten große Verletzlichkeit liegt. Veränderung braucht allerdings Zeit und echte Motivation.

Das kann nur du entscheiden. Wenn du Gewalt, Drohungen oder systematische Kontrolle erlebst oder sich trotz Versprechen nichts ändert, ist eine Trennung oft der gesündere Weg. Lass dich dabei unterstützen.

Weiterlesen

Quellen

  • American Psychiatric Association (2013). Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (5. Aufl.). Arlington, VA.
  • Weltgesundheitsorganisation (2019). ICD-11: Internationale Klassifikation der Krankheiten, Kapitel 6D10 Persönlichkeitsstörung.
  • Ronningstam, E. (2005). Identifying and Understanding the Narcissistic Personality. New York: Oxford University Press.
  • Willi, J. (1975). Die Zweierbeziehung. Reinbek: Rowohlt.